Ethik?

(Dolmaya in “Translation as a Social Activity”, O’Hagan (Hsg.), 2011) gibt einen umsichtigen Einblick in die ethischen Fragen des Crowdsourcing. Sie hebt sich ab von der einseitigen Abwehrhaltung der Berufsverbände gegen die Crowd-Translation-Projekte von Werbeunternehmen wie Facebook, LinkedIn, usw. Die Versprechen von Kleingewerbetreibenden, die als Retter vor den „richtig schlimmen Kapitalisten“ auftreten, sind derweil auch nicht mehr als eine verzweifelte Werbestrategie. (Dodd, 2011) warnt gar vor einer „neuen Apartheid-Wirtschaft, mit Sozialismus für die Arbeiter und Kapitalismus für die Bosse“ (aus dem Englischen; eigene Übersetzung), allerdings ist das heimische Arbeitszimmer doch sehr weit von der Kohlegrube entfernt.

Aus der Ecke der organisierten Übersetzer kommt häufig das Argument der „Qualitätsverschlechterung“, verbunden mit „Ansehensverlust“ für die gesamte Branche. Das ist ungefähr so, wie wenn ein Berufsverband der (überwiegend männlichen) Spitzenköche behauptete, die Tatsache, dass das meiste Essen auf der Welt von unbezahlten Frauen zubereitet wird schade dem Ansehen „ihrer“ Branche. Wenn wir schon von Ethik reden, sollten wir uns Sorgen um Zustand der Arbeiter machen, nicht um das Ansehen der Branche. Nicht alle die eine Arbeit machen sind auch Teil der Branche.

Für „Qualifizierte“ sollte keine andere Ethik herrschen als für „Ungelernte“. Das bedeutet nicht, dass uns auf einmal egal ist, wer den Handel mit Lebensmitteln kontrolliert. Ich würde aber mutmaßen, der Ausschluss großer Teile der Dienstleistenden von entlohnten Tätigkeiten führt zu mehr Macht für weniger Einzelhändler sowie Konzentration der Profite im Großhandel.

Die Kartellbildung in der Internetindustrie – einschließlich unserer eigenen Sub-Branche – entbindet die etablierten Übersetzer nicht von ihrer Handlungslast. Die deutschen Dolmetscher-/Übersetzerverbände könnten beispielsweise, anstatt „Amateure“ aus dem Beruf zu drängen (hoffnungslos), sich für Quereinsteiger öffnen und eigene Prüfungen durchführen, anstatt sich auf staatliche Prüfungsbehörden zu verlassen.

(Dolmaya, S. 107) stellt fest, dass die Grenze zwischen Publikum und Übersetzern verschwimmt. Man könnte sagen, der Übersetzer wird proletarisiert – oder die Masse wird professionalisiert. Weiter zitiert Dolmaya die Social-Networking-Firma LinkedIn, die behauptet, ihr Crowdsourcing-Projekt schaffe Jobs für professionelle Übersetzer hinter den Kulissen als Qualitätstester. Den unwirschen „Professionellen“ wird also die Vorarbeiterrolle in Aussicht gestellt.

Im selben Statement erwähnt LinkedIn, dass durch den erhöhten Verwaltungsaufwand für die Lokalisierung keine Einsparungen entstünden. Aus Erfahrung in ehrenamtlichen Projekten kann ich bestätigen, dass das Management das größte Kostenrisiko in der Lieferkette bildet. Dolmaya führt im selben Artikel an, dass unbezahlte Lokalisierung den Auftraggebern erhebliche Werbeeinnahmen sichert.

Dass führt zu einer sehr interessanten Frage zur Ethik, die Dolmaya ebenfalls behandelt: Die ethische Wahrnehmung hängt nicht nur davon ab, ob die Firma als gewinnorientiert oder gemeinnützig gilt, sondern vielleicht viel mehr davon, wie die Firma intern organisiert ist und öffentlich wahrgenommen wird. Die ethische Wahrnehmung ist wichtig, weil sie die Bereitschaft der Beitragenden beeinflusst, unbezahlt an einem Projekt mitzuwirken.

Es kann also durchaus intransparent wirken, wenn eine gemeinnützige Organisation Spenden für ein Übersetzungsprojekt sammelt, von denen kein Cent bei den Übersetzern ankommt. Gleichsam könnte es demotivierend wirken, Texte übersetzen zu lassen, die gar nicht verwendet werden können.

Andererseits würde es erfrischend ehrlich wirken, wenn Facebook verkündete: „Eure Nutzerdaten verkaufen wir sowieso, jetzt steigern wir unsere Werbeeinnahmen mit euren Übersetzungen.“ So transparent sind kommerzielle Crowd-Translation-Verwerter zwar nicht, aber die meisten Nutzer könnten sich das schon denken.

Facebook und LinkedIn bieten regen Austausch zwischen den Übersetzern. Die Firmen haben gar nicht die Kapazitäten, sich in jede Diskussion einzumischen. Der vereinzelte Übersetzer kann also durchaus das Gefühl haben, für eine Gemeinschaft zu arbeiten. Diese „Experience“ bietet unter drei gemeinnützigen Projekten, die ich untersucht habe, nur eins, da Beitragende hier regelmäßig per E-Mail oder persönlich über Inhalte und Übersetzungen diskutieren.

Die anderen zwei sind zentraler verwaltet, von jeweils einem bezahlten Adminstrator. Selbst wenn der Tenor positiv ist, fehlt doch eine gewisse Anteilnahme an dem Projekt, da man nicht mit Kollegen kommuniziert, sondern mit einem Vorgesetzten.

Aus Gründen des Wettbewerbsschutzes unterbinden übrigens auch viele Übersetzungsagenturen die Kommunikation zwischen ihre verstreuten freien Mitarbeitern. Alles läuft zentral über einen Projektmanager. Weil die Antwortzeiten dadurch sehr lang sind, machen sich Übersetzer bzw. Lektoren kaum noch die Mühe, Anmerkungen zu ihren Projekten weiterzuleiten.

Zentralisierung der Kommunikation ist also im gewinnorientierten wie auch im gemeinnützigen Sektor schädlich für das Endprodukt. Als Experten für Kommunikation haben Social-Networking-Anbieter hier einen enormen Vorteil weil:

  1. Die Benutzer selbst die Zielgruppe sind
  2. Laufende Kommunikation und Aktualisierung technisch vereinfacht sind

 

Für die Motivation Frewilliger lässt sich festhalten: Die Möglichkeit Gleichgesinnte, zu treffen ist wichtiger als ein gutes Firmenimage und gute Arbeitsbedingungen sind wichtiger als ein guter Zweck. Ein bisschen Glamour schadet auch nicht. Große Unternehmen mit fragwürdigem Image führen sehr erfolgreiche Freiwilligenprojekte durch, während sehr engagierte kleine Vereine um Unterstützung ringen.

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